Der Lordkranzler des Königs

1

Eine Leiche im Wassergraben

Windsor Castle, im März des Jahres 1367

Die St. George's Hall war hell erleuchtet durch Fackeln und Lampen, die wie Sterne glitzerten in den verglasten Fenstern am hinteren Ende des Raumes. Die Stimmen der Höflinge des Königs mischten sich mit den Klängen der Musik, und ihre seidenen Gewänder raschelten, während sich ihre Füße im Rhythmus bewegten. Im Saal vermengten sich die Gerüche von gebratenem Eber, exotischen Gewürzen, parfümierten Haaren und Kleidern, schmelzendem Bienenwachs, Rauch und Schweiß, und hin und wieder wehte ein eisiger Lufthauch herein, wenn einzelne Festgäste durch die Tür hinausschlüpften, um ihre weingesättigten Blasen zu entleeren.

Ein verspäteter Besucher schob ungeduldig einen schwankenden Adeligen beiseite, blieb dann jedoch stehen, als seine Sinne, die sich an die Dunkelheit, die Stille und den Schneefall im Burghof gewöhnt hatten, durch den Lärm, die Hitze und den Rauch der grellen Fackeln überrumpelt wurden, die ihn zu husten und zu blinzeln veranlaßten. Nachdem er sich den Schnee von seinen braunen Haaren geschüttelt hatte, musterte Ncd Townley die Gesichter an den langen Tischen neben der Tür, wo die Pagen und die niederen Hofbediensteten mit ihrer Mahlzeit beschäftigt waren. Er suchte nach einem jungen Gesicht, das ihm in letzter Zeit nur allzu vertraut geworden war. Dieses Gesicht, das er mittlerweile schon viel häufiger gesehen hatte, als ihm lieb gewesen war, neigte sich Mary zu, seiner Verlobten.

Er hätte sie nicht so lange alleinlassen sollen. Doch es hatte nur sehr schwache Anzeichen dafür gegeben, daß Mary einem Sturm der Gefühle ausgesetzt war. Ein Stirnrunzeln, das als bedeutungslos abgetan wurde, eine gelegentliche Geistesabwesenheit, unerklärliche Tränen. Als Ned schließlich Verdacht schöpfte und hinter Mary herzuspionieren begann, hatte diese schon mit Daniel, einem Pagen aus dem Hofstaat von Sir William von Wyndesore, ein Ausmaß von Vertrautheit erreicht, für das Ned Monate gebraucht hatte. Nicht daß er die beiden dabei ertappt hätte, wie sie sich umarmten; dergleichen hätte Mary erst getan, nachdem sie Ned alles gebeichtet hatte. Aber er erkannte, daß sie innerlich hin- und hergerissen und von Schuldgefühlen gequält wurde.

Doch Ned wollte Mary nicht verlieren. Sein Neben buhler war ein einfacher Page, der erst vor kurzem aus Dublin an den Hof gekommen war. Was wußte der Junge denn von der Liebe? Ned hatte schon in vielen Ländern die Reize von Frauen kennengelernt und wußte, daß Mary die Frau war, die Gott für ihn bestimmt hatte. Wie ernsthaft konnte die Zuneigung des Jungen überhaupt sein? Ned war zu der Ansicht gelangt, es würde ein leichtes sein, ihn in die Flucht zu schlagen. Ein paar scharfe Worte, verhüllte Drohungen, das würde genügen.

Als er Daniel erblickte, überkamen Ned Zweifel. Im Unterschied zu den Pagen, die ihn umgaben, war Daniel ein bleicher, schmächtiger Jüngling. Welche Frau konnte ihr Herz an einen solchen Jungen verlieren? War es möglich, daß Ned sich nur eingeredet hatte, von diesem Jungen würde eine Gefahr für sein Liehesglück ausgehen? Doch es war nicht die Zeit, Schwäche zu zeigen. Ned mußte alles tun, was in seinen Kräften stand, um sich eine glückliche Zukunft mit Mary zu sichern.

Er straffte seine Schultern und setzte einen bedrohlichen Gesichtsausdruck auf. Wären seine alten Waffenbrüder an diesem Abend hier gewesen, hätten sie gelacht, ihm auf die Schultern geschlagen und ihn einen verliebten Narren genannt. Doch trotz ihrer Hanseleien hätten Owen und Lief ihn verstanden; sie waren den Frauen ebenso verfallen, die sie vor den Traualtar geschleppt hatten.

Ned hatte jedoch nicht mit dem Zusammenhalt von Wyndesores Männern gerechnet.

Daniel starrte hinunter zu seinen Füßen, den Kopf und die Schultern schuldbewußt eingezogen. Er wünschte, er wäre irgendwo anders, nur nicht hier.

Die Sorgen des Pagen konzentrierten sich auf den großen, stattlichen Mann, der die Bediensteten Sir Williams mit Verachtung gestraft hatte. »Ich bin nicht so dumm, einen Mann anzugreifen, der von seinen Freunden umgeben ist. Und dann noch dazu einen solchen Burschen.« Doch die Bediensteten waren beauftragt, den Pagen ihres Herrn zu beschützen, und dazu waren sie auch entschlossen.

Als er hochblickte, sah Daniel, daß das ebenmäßige Gesicht seines Herausforderers vor Zorn gerötet und seine elegante Kleidung durch das Handgemenge mit den Männern zerzaust war. Daniel wünschte, man würde ihn aus dem Saal führen anstatt Ned Townley. Daniel verehrte Townley Er war sein großes Vorbild. Er arbeitete als Späher für John von Gaunt, den mächti gen dritten Sohn des Königs, der auch Herzog von Lancaster war. Ned war ein erfahrener Krieger, berühmt für seinen geschickten Umgang mit dem Dolch. Dennoch war er kein einfältiger Grobian, wie die Männer von Sir William. Townley war ein Höfling, sowohl in seiner Kleidung als auch in seinem Benehmen und seiner Sprache. Und mit seinen hübschen braunen Augen, seinen ebenmäßigen Gesichtszügen und seinem wohlgestalteten Körper erschien er Daniel als der schönste Mann, den er je gesehen hatte. Niemals hätte er diesen Mann absichtlich gegen sich aufgebracht.

Doch vor wenigen Augenblicken hatte Townley Daniel zu verstehen gegeben, daß er sich eines Vergehens schuldig gemacht hatte. Diese Warnung war ihm mit einer Entschlossenheit übermittelt worden, die Daniel erschreckt hatte. Townley hatte ihn am Kragen seines Obergewands gepackt und ihn hochgezogen. »Ich hänge dich zu den Teppichen an der Wand, wenn du deine Finger nicht von meiner Verlobten läßt.«

»Von Eurer Verlobten?« hatte Daniel gekreischt.

»Von Mary, der Zofe von Mistress Perrers.«

»Nein! Ich flehe Euch an!« hatte Daniel gerufen und gehofft, Townley würde ihn endlich wieder auf den Boden hinunterlassen, damit er ihm erklären konnte, daß Mary und ihn nur freundschaftliche Gefühle verbanden, nicht mehr. Doch sein Ausruf hatte die Aufmerksamkeit von Sir Williams Männern erregt, die nun Townley aus dem Saal zerrten.

»Er wird dich nicht länger belästigen, Daniel«, sagte Scoggins und füllte den Krug des jungen Mannes erneut mit Bier.

Daniel prostete Scoggins zu und nickte, dann tranken beide. Diese Geste erwartete Scoggins von ihm, deshalb tat ihm Daniel den Gefallen. Doch er war ihm alles andere als dankbar. Wenn Scoggins sich nicht eingemischt hätte, dann hätte Townley wahrscheinlich ein paarmal auf den Tisch gedroschen und Daniel gedroht, ihn mit seinem Dolch an die Wand zu nageln, und wäre dann wieder in die Nacht hinausgestampft, zufrieden damit, daß er dem Jungen einen gehörigen Schrecken eingejagt hatte. Und am nächsten Morgen hätte Townley erkannt, daß Daniel die Botschaft verstanden hatte und sich künftig von Mary fernhalten würde, und alles wäre schnell wieder vergeben und vergessen gewesen. Doch Scoggins hatte es offenbar als seine Pflicht angesehen, den Pagen seines Herrn zu beschützen.

In Wahrheit war der Zorn Ned Townleys nur allzu berechtigt. Daniel hatte sich töricht verhalten; er hätte erkennen müssen, daß sein Interesse für Mary mißverstanden werden würde. Er hatte nicht gewußt, daß Townley jener Ned war, von dem Mary die ganze Zeit sprach. Aber nicht ein einziges Mal hatte sie erwähnt, daß ihr Verlobter ein Spion Lancasters war. Nicht einmal hatte sie von seiner Fertigkeit mit dem Dolch erzählt. Sie hatte ihn immer nur als Ned bezeichnet, als den »schönen Ned«, den »sanften Ned«, den »großen, starken und eindrucksvollen Ned«. Eine mythische Gestalt. Aber nicht der Spion Lancasters.

Daniel trank sein Bier aus, schob den Krug zur Seite und lauschte mit einem Ohr den Gesprächen, die in seiner Umgebung geführt wurden und die sich alle um das Zusammentreffen seines Herrn, Sir William von Wyndesore, mit dem König an diesem Tage drehten. Es hieß, Sir William habe für die Schwierigkeiten in Irland freimütig das schlechte Urteilsvermögen des Herzogs von Clarence verantwortlich gemacht. Einige sagten, der König sei darüber erzürnt, und Sir William solle an die schottische Grenze verbannt werden. Andere meinten, der König wisse sehr wohl, daß er seinem Sohn Lionel, dem Herzog von Glarence, nicht vertrauen könne, und Sir William solle zu einem Markgraf erhoben und beauftragt werden, die Grenze zu Schottland zu schützen.

Daniel spitzte die Ohren. Ob es nun als Bestrafung oder als Belohnung gedacht war, alle Anwesenden schienen jedenfalls damit zu rechnen, daß sie in naher Zukunft nach Norden in das Grenzgebiet würden ziehen müssen. Seine Stimmung besserte sich. Das bedeutete, daß er bald weit entfernt sein würde von Windsor Castle, dem Ort seiner Demütigung. Gedankenversunken griff er nach seinem Krug, erinnerte sich daran, daß er ihn zuvor ausgetrunken hatte, fand ihn jedoch gefüllt vor. Hatte er es sich nur eingebildet, daß er ihn geleert hatte? Wie auch immer, er nahm einen großen Schluck. Und darauf einen weiteren. Dann schenkte ihm wieder jemand nach und lachte, als Daniel mit vollem Mund zu protestieren versuchte.

»Komm, Junge, trink! Scoggins hat dir das Leben gerettet. Trink auf sein Wohl!«

Daniel erinnerte sich daran, daß es vor dem Abendmahl schon zu schneien begonnen hatte. Es war ein langer, gefährlicher Weg vom Festsaal zur Unterkunft von Sir William. Er fürchtete sich bereits davor, aufzustehen. Wie würde er durch den Schnee nach Hause kommen?

»Los, Junge, trink! Spül es hinunter!« Ein Gesicht tauchte vor Daniels Augen auf, doch er war schon so benommen, daß er es nicht erkannte. Er blinzelte, um es besser zu sehen. Wie oft hatten sie ihm eigentlich schon nachgeschenkt? Er schüttelte den Kopf, um ihn wieder klar zu bekommen, und spürte dann, wie ihm übel wurde. Oh, mein Gott, er würde sich an diesem Abend ein zweites Mal lächerlich machen. Er war verflucht, daran bestand kein Zweifel.


Es war zwar schon März, doch der harte Winter hielt immer noch an. Bruder Michaelo freute sich über den Anblick, den der frisch gefallene Schnee zu dieser frühen Stunde des Tages bot, über die makellose weiße Decke, die über den Dächern und Fenstersimsen von Windsor Castle lag, doch er wußte auch, daß der Neuschnee den gefrorenen Schlammboden zu einem tückischen Untergrund machte. Er bewegte sich vorsichtig, den Körper nach vorne gebeugt, um auf seine Stiefel und den Saum seines Habits zu achten. Er wollte die Gemächer Erzbischof Thoresbys trocken und sauber erreichen.

Er tat es nicht, um eine besonders elegante Erscheinung abzugeben, denn Michaelo würde an diesem Tag nicht mit Höflingen zusammentreffen. Er würde sich vielmehr an sein Schreibpult setzen, um Briefe des Erzbischofs an die Äbte von Fountains und Rievaulx vorzubereiten, Briefe, in denen William von Wykeham für den Bischofssitz von Winchester vorgeschlagen wurde. Eine unangenehme Aufgabe, denn falls sich der König mit dieser Ernennung durchsetzen würde, würde Wykeham auch über kurz oder lang Erzbischof Thoresby als Lordkanzler von England ablösen. Ein betrüblicher Gedanke. Es war durchaus eine Ehre, dem Erzbischof von York als Sekretär zu dienen, doch ein Erzbischof hatte nicht so häufig in London zu tun wie der Kanzler. Michaelo seufzte, als er daran dachte, daß er künftig viel mehr Zeit in York würde verbringen müssen. Er bevorzugte Thoresby in seiner Doppelfunktion. Wenn schon hier der Winter nahezu endlos zu sein schien, oben im Norden war es noch trostloser. Seine einzige Hoffnung, dieses unerfreuliche Schicksal doch noch abwenden zu können, bestand darin, daß der Papst trotz aller Schreiben, in denen Wykeham überschwenglich für den Bischofssitz empfohlen wurde, daran festhalten könnte, an Wykeham das erste Exempel seines Feldzuges gegen die Ämterhäufung zu statuieren. Papst Urban war überzeugt, daß die Praxis, hohen Geistlichen gleichzeitig mehrere Ämter anzuvertrauen, dazu führte, daß diese ihre Gemeinden vernachlässigten und sich mehr darum kümmerten, ihren Wohltätern, die ihnen zu ihren Posten verholfen hatten, gefällig zu sein, als darum, der Verantwortung gegenüber ihren Schutzbefohlenen nachzukommen. Seine Heiligkeit betrachtete William von Wykeham als den reichsten mehrfachen Amtsinhaber Englands. Was zweifellos stimmte.

Ein Rufen von unterhalb des Wachtturms riß Michaelo aus seinen Gedanken. Er straffte sich, rutschte aus und konnte nur mühsam sein Gleichgewicht bewahren. Drei Bewaffnete liefen auf den Turm zu. Der Mann, der den Ruf ausgestoßen hatte, stand über dem Graben, der den Hügel umgab, auf dem der Turm stand. Der Schnee, der den Steilhang bedeckte, war zerfurcht, als sei etwas von oben heruntergerutscht. Die Neugier trieb Michaelo dazu, zum Turm zu gehen.

Als er nur noch zehn Fuß von der kleinen Menschenansammlung entfernt war, die sich dort mittlerweile eingefunden hatte, sah Michaelo, daß die drei Männer einen menschlichen Körper aus dem Graben zogen. Von der leblosen Gestalt lösten sich Eisklumpen, Wasser und Schmutz. Die heftigen Niederschläge hatten das Wasser im Graben steigen lassen, und der Frost hatte ihn mit einer Eisschicht überzogen. Die arme Seele mußte in das eiskalte Wasser gefallen und ertrunken sein, bevor sie zu sich kam und herauskriechen konnte. Doch wie war die Person auf den Hügel gekommen?

Einer der Männer zog etwas, das wie ein Umhang aussah, aus dem Schlamm heraus, roch daran und reichte es seinem Kameraden. »Riech mal.«

Der andere Mann roch ebenfalls daran und zuckte zurück. »Puh! Das hab' ich lieber im Krug als in der Wäsche! Ist der Kerl in ein Bierfaß gefallen?«

»Hat sich vollaufen lassen und wollte dann das Schlittenfahren probieren.«

Aha. Nun begriff Michaelo, wovon die Furchen im Schnee herrührten. Der Mann war den Hügel hinuntergerutscht und hatte nicht mehr bremsen können -; ein Mißgeschick, vor dem in den letzten Monaten auch viele Mütter ihre Kinder gewarnt hatten, die hierhergekommen waren. ,»Wer ist der Mann?« rief Michaelo.

»Daniel. Der Page von Sir William von Wyndesore.«

»Seid Ihr sicher?« Michaelo kannte Daniel. Ein netter, milchgesichtiger junger Mann.

»Er sieht jedenfalls wie Daniel aus«, meinte der Mann.

Michaelo trat näher heran, ohne nun besonders darauf zu achten, daß seine Stiefel nicht schmutzig wurden. Der Junge lag auf dem Boden, die Augen weit aufgerissen, das Haar schmutzverkrustet und die Arme ausgebreitet. Als Michaelo sich neben der Leiche niederkauerte, um ihr das starre Haar aus dem Gesicht zu streichen, bemerkte er etwas, das nicht zu einem Ertrunkenen paßte: rote Striemen an seinen Handgelenken, die knapp unterhalb der Ärmel seines Hemdes sichtbar waren. Michaelo hätte gerne die Armel hochgeschoben, um sich ein besseres Bild zu machen, doch er zögerte. Er strich das Haar zurück und schloß sachte die Augen des Jungen.

»Also? Ist es Daniel?« Der Mann hielt den Umhang mit ausgestrecktem Arm von sich.

Michaelo stand wieder auf und schlug das Kreuzzeichen über dem Toten. »Ja. Der arme Junge.« Dann eilte er davon, ohne ein Wort über Daniels Handgelenke zu verlieren. Besser, er erwähnte dies nur gegenüber einer Person, der er vertrauen konnte.

Sir William von Wyndesore wies seine Diener an, den Leichnam des Jungen zuzudecken und Neugierige fernzuhalten. Dann begab er sich hinaus, um mit seinen Männern zu sprechen. Er fluchte, als die fahle Wintersonne ihm in die Augen stach und ein kalter Windstoß mit eisigen Fingern seine Glieder umfaßte. Wyndesore war ein zäher, erfahrener Krieger von mäch tiger Statur, doch er war kein junger Mann mehr. Er hatte einen schweren Kopf, da er am Abend zuvor ausgiebig dem Branntwein zugesprochen hatte, doch seine Diener hatten ihn unsanft geweckt, um ihm die Nach richt zu überbringen, daß Daniel ertrunken war. Seine Männer waren alle im Außenhof versammelt; einige traten von einem Bein auf das andere, um sich warmzuhalten, andere neben sich die Augen, viele jedoch forderten, Ned Townley herbeizuschaffen.

»Um wen geht es?« fragte Wyndesore.

Alan beugte sich zu ihm. »Um Ned Townley Ein Späher von Lancaster, der für den Herzog hier die Ohren offenhalten soll, solange der sich auf seinem Feld zug in Kastilien befindet, heißt es.«

»Sagt man das? Und worin besteht sein Vergehen, außer daß er ein Spion Lancasters ist?«

»Ich weiß es nicht. Doch ich habe ihn gestern abend zusammen mit Scoggins gesehen.«

Wyndesore straffte sich, blinzelte seine Männer an und machte unter ihnen Scoggins ausfindig. »Nun, Scoggins, was hat Townley angestellt?«

»Er hat Daniel ermordet, das hat er angestellt, Herr.«

Die Männer murmelten zustimmend, wobei ihre Stimmen von den Steinwänden widerhallten, die sie um gaben.

»Du hast gesehen, wie er es getan hat?«

Scoggins spuckte auf den Boden und schüttelte den Kopf. »Nein, Herr. Aber ich habe gesehen, wie die beiden gestern abend wegen der Zofe von Mistress Perrers gestritten haben, wegen der kleinen Mary Und Townley hat Daniel gedroht, er würde ihn mit seinem Dolch an die Wand nageln, wenn er ihn noch einmal in der Nähe von Mary erwischen sollte. Das hat er gesagt, das kann ich beschwören, Herr. Ich habe ein paar Männer herbeigerufen, um ihn aus dem Saal zu führen. Er muß zurückgekommen sein und dem Jungen aufgelauert haben.«

Wyndesore schloß die Augen. »Und wurde Daniel erstochen?« Scoggins war ein Schwätzer und Unruhestifter, aber ein guter Soldat, und er war ihm treu erge ben. Außerordentlich treu. »Nun, Scoggins?«

Der Mann zuckte die Schultern. »Ich habe den Leichnam noch nicht gesehen, Herr.«

Wyndesore ließ seinen Blick durch die Runde schweifen. »Wer hat ihn gesehen? Wer hat ihn gefunden?«

»Einer der Wachmänner des Königs«, antwortete Alan leise. »Aber Bardolph und Crofter haben ihm geholfen, den Toten aus dem Graben zu ziehen.«

»Crofter!«

Ein blonder Mann mit eckigem Kinn trat nach vorne. »Ich konnte keine Stichwunden feststellen, Herr. Der Junge ist ertrunken, daran besteht kein Zweifel.«

Wyndesore nickte. »Dann hört auf mit diesem Townley«

Crofter schüttelte den Kopf. »Wer sagt denn, daß Townley nicht seine Meinung geändert hat und es wie einen Unfall aussehen lassen wollte? Wer kann das denn ausschließen?« Er klang völlig überzeugt, nicht fragend.

Wyndesore knurrte. »Halte dich an die Tatsachen, Crofter.«

Crofter neigte den Kopf untertänig. »Er ist ertrunken, Herr.«

»Danke.«

Doch Crofter war noch nicht fertig. »Einen Augenblick noch bitte, Herr. Sein Umhang stank nach Bier. Er muß sich von oben bis unten damit begossen haben. Ich vermute, er war zu betrunken, um zu begreifen, was er tat.«

Wyndesore wandte sich an Scoggins. »War Daniel betrunken, als er den Saal verließ?«

Scoggins zuckte die Schultern und blickte auf seine Stiefel hinunter. »Ein wenig schon, Herr.«

»Er war es nicht gewohnt, viel zu trinken, Scoggins. Hast du ihn dazu ermutigt?«

Scoggins blickte seinen Gebieter an. »Ja, Herr, und dafür bitte ich vielmals um Vergebung.«

»Dann hast du dich also auch betrunken?«

»Jawohl, Herr.«

»Hat jemand dem kleinen Daniel angeboten, ihn zurück nach Hause zu begleiten?«

»Ich habe nicht gesehen, wie er gegangen ist, Herr.« »Warst wohl schon zu betrunken?«

»Ja, Herr.«

Wyndesore schirmte seine Augen gegen die Sonne ab, während er den Blick wieder auf seine Männer richtete. »Kümmert euch um eure Arbeit. Morgen früh bei der Messe werdet ihr Gelegenheit bekommen, für den armen Daniel zu beten.« Er drehte sich um und stapfte in die Burg zurück, rief zuvor jedoch noch Alan zu, er solle Mistress Perrers wecken.

»Und was ist mit Ned Townley, Herr?«

»Zuerst Mistress Perrers, verdammt!«

Alan eilte davon.


John Thoresby ging in seinem Gemach auf und ab, während er auf seinen Sekretär wartete. Michaelos Säumigkeit war an diesem Morgen besonders ärgerlich. Thoresby hatte nun eine Möglichkeit gefunden, die Forderungen des Königs mit seinen eigenen Interessen in Einklang zu bringen, und wollte diese Aufgabe schnell hinter sich bringen. Wo steckte sein Sekretär nur? Brauchte er so lange für seine Morgentoilette?

Als Michaelo schließlich auftauchte, war er völlig außer Atem und hatte ein gerötetes Gesicht, und zu Thoresbys Uberraschung war auch der Saum seines Habits verschmutzt.

»Wo wart Ihr denn so lange?«

»Euer Gnaden, es ist etwas Schreckliches...« Michaelo schüttelte den Kopf, setzte sich an sein Schreibpult, wischte sich das Gesicht mit einem Tuch ab, schloß die Augen und holte tief Luft.

»Was ist so schrecklich, Michaelo? Ihr zittert ja am ganzen Leib.«

Sein Sekretär nickte und tupfte sich die Oberlippe ab.

»Michaelo!«

»Verzeiht mir, Euer Gnaden. Ich muß erst wieder zu Atem kommen.« Michaelo schüttelte den Kopf. »Es sind die Striemen, Euer Gnaden. Und sein Umhang. Er trieb im Wassergraben, nicht in einem Bierfaß. Wie kann jemand soviel Bier verschütten, daß sein ganzer Umhang riecht, als sei er in ein Bierfaß getaucht worden? Und was noch seltsamer ist: Warum trägt er seinen Umhang beim Trinken?« Michaelo senkte den Kopf, drückte das Tuch an die eine Schläfe, dann an die andere.

Der Erzbischof musterte seinen Sekretär, der so aufgewühlt und nervös wirkte wie noch nie. »Geht es Euch nicht gut heute morgen? Wieder einer Eurer Kopfschmerzanfälle?«

Michaelo hob langsam den Kopf und blickte Thoresby stirnrunzelnd an, als verstehe er ihn nicht. »Nein, Euer Gnaden. Ich war gerade auf dem Weg hierher, als man ihn entdeckte und aus dem Graben zog.«

»Wer wurde aus welchem Graben gezogen?«

»Habe ich es noch nicht gesagt? Verzeiht mir, Euer Gnaden. Es handelt sich um Daniel, den Pagen von Sir William von Wyndesore. Unten am Wachtturm. Er ist ertrunken, Euer Gnaden. Oder vielleicht war es noch schlimmer.«

Schlimmer? »Ertrinken führt zum Tod, möchte ich meinen. Was sollte noch schlimmer sein?«

Michaelo zog seine Augenbrauen zusammen. »Ich habe den Männern, die ihn gefunden haben, nichts davon gesagt. Aber es gab Striemen an seinen Handgelenken. Als wären seine Hände gefesselt gewesen, Euer Gnaden.«

Das konnte Schwierigkeiten bedeuten. Doch vor allem der Name des Opfers ließ bei Thoresby die Alarmglocken läuten. Sein Sekretär hatte eine Schwäche für hübsche junge Männer. »Daniel. Ein gutaussehender junger Mann, wenn ich mich recht erinnere. Ihr habt doch nicht etwa Euer Gelübde gebrochen, Michaelo?«

Diese Frage schien Michaelo wieder zur Besinnung zu bringen. Er setzte sich auf. »Euer Gnaden, ich bin einfach nur vorübergegangen.«

»Das bezweifle ich nicht, Michaelo, doch Eure Aufgeregtheit scheint auch noch andere Ursachen zu haben.«

Michaelos Nasenflügel bebten. »Ich habe wie stets die nötige Distanz gewahrt, Euer Gnaden.«

Deo gratias. Thoresby verbarg sein Lächeln, als Michaelo das Kinn hochreckte, den Rücken versteift vor Entrüstung, seinen Federkiel ergriff und sich schreibbereit über das Pergament beugte.

»Können wir beginnen, Euer Gnaden?«

Daß sein Sekretär sich verletzt fühlte, beruhigte Thoresby »Ja. Ich habe mir Gedanken gemacht zu den Briefen, die unser König verlangt.«

Es war eine Frage der Betonung, hatte Thoresby entschieden. Er mußte jene Aspekte von Wykehams Arbeit besonders loben, die die Zisterziensermönche am wenigsten schätzten -; wie der König ihn in seinem letzten Amt als Hofbaumeister und in seinem jetzigen als Lordsiegelbewahrer für unersetzlich gehalten habe, was natürlich Wykehams weltliche Loyalität besonders unterstreichen würde. Das konnte der König nicht bestreiten, noch konnte er leugnen, daß Thoresby seine Worte als Lob gemeint hatte. Thoresby lächelte in sich hinein, als er Michaelo zu diktieren begann.


Ziemlich elegant gekleidet für einen Morgenspaziergang, das braune Haar sorgfältig unter einem Schleier verborgen, eilte Alice Perrers durch das Tor des oberen Trakts und schlang den pelzbesetzten Umhang enger um ihren fröstelnden Körper. Es war noch zu früh, um auszugehen, das Blut in ihren Gliedmaßen hatte sich noch nicht erwärmt. Der Wachmann verbeugte sich. Ihr Page folgte ihr mit einem Becher und einem Krug mit verdünntem, gewürztem Wein. Alice wollte nicht auf ihre übliche morgendliche Erfrischung verzichten, ganz gleich, wen man gerade im Wassergraben gefunden hatte. Nach dem Besuch bei Sir William mußte sie sofort wieder in den Palast zurückkehren, um sich um die kränkliche Königin zu kümmern. Sie würde keine Zeit finden, sich mit ihren eigenen Angelegenheiten zu befassen. Sie sträubte sich keinesfalls gegen ihre Pflichten gegenüber Königin Philippa. Alice verdankte ihre Position schließlich der Zuneigung der alternden Königin. Doch sie mußte auch auf sich selbst acht. geben, niemand würde ihr das abnehmen. Sie war neunzehn Jahre alt und würde bald die Blüte der Jugend einbüßen, die den König so sehr in Bann zog, wenn sie sich nicht um ihre Gesundheit kümmerte. Sie machte sich nichts vor; sie war keine Schönheit. Ihre Macht lag in ihrem jungen, wohigeformten Körper, ihrem Verständnis für das Verlangen der Männer und in ihrem Ehrgeiz.

An der Tür zu den Gemächern von Sir William von Wyndesore blieb Alice stehen und wandte sich um. »Gilbert?«

Ihr Diener eilte herbei, nahm den Becher in jene Hand, die bereits den Krug hielt, und klopfte laut. Er hatte gelernt, daß seine Herrin wütend wurde, wenn er versuchte, seine Fingerknöchel zu schonen.

Als die Tür geöffnet wurde, schwebte Alice an Gilbert vorbei in einen geräumigen, jedoch kargen Salon, der offensichtlich von einem Soldaten eingerichtet worden war: zwei Stühle mit hohen Lehnen, zwei Beistelltische sowie eine Truhe für Haushaltsgegenstän de. Die Stühle standen vor einem großen Kohlenbecken, das eine angenehme Wärme abstrahlte. Sir William saß auf einem der Stühle, die Füße zum Feuer hin ausgestreckt. Er blickte schläfrig auf und nickte. Er war ein stattlicher Mann, mehr als dreißig Jahre älter als Alice, wirkte aber immer noch körperlich stark und hatte noch volles dunkles Haar, abgesehen von einigen grauen Strähnen. Es sah ihm ähnlich, daß er nicht aufstand, dachte Alice. Hatte er sich auch so träge verhalten, als er noch unter dem Herzog von Clarence in Irland gedient hatte? Eine interessante Frage. Sie mußte ihr gelegentlich nachgehen. »Sir William?«

Wyndesore winkte Alice zu dem anderen Stuhl. Sie setzte sich mit einem hoheitsvollen Rascheln ihrer Röcke. Ein Diener eilte herbei, um einen kleinen Tisch neben sie zu stellen. Gilbert trat nach vorne und schenkte den Wein ein.

»Ihr bringt Eure Erfrischung selbst mit? Als Vorsichtsmaßnahme Wyndesore grinste.

»Ich bin am frühen Morgen immer besonders durstig, und wie wir gestern abend festgestellt haben -;», sie blickte mit kokettem Lächeln auf, »- ist mein Keller exzellent bestückt.« Alice hob ihren Becher, als wolle sie ihm zuprosten, und trank.

Wyndesore beobachtete sie belustigt. ,»Das verwöhnte Schoßhündchen des Königs.«

Alice schnaubte. »Das ist nicht wahr.«

Wyndesore legte eine Hand auf sein Herz und senkte den Kopf. »Verzeiht, Mistress Alice. Ich benehme mich wie ein rüpelhafter Soldat.«

Alice überhörte seine nicht ernstgemeinte Entschuldigung.

Wyndesore schien das Spielchen bereits zu langweilen. »Also gut. Ned Townley Er umwirbt Eure Zofe Mary?«

Alice fuhr mit einem Finger langsam um den Rand des Bechers. »Weshalb fragt Ihr?«

»Habt Ihr schon gehört, was meinem Pagen widerfahren ist?«

Alice setzte einen betrubten Gesichtsausdruck auf. »Der arme Daniel. Er ist ins Wasser gerutscht. Jedermann hat einen solchen Unfall erwartet, aber mit einem Kind, nicht mit einem jungen Mann.« Sie hob ihren Blick langsam. »Weshalb erwähnt Ihr Ned?«

»Vielleicht war es kein Unfall. Ned Townley hat Daniel gestern abend bedroht - weil dieser sich in Gesellschaft von Mary befand. Hatte Daniel sich an Eure Zofe herangemacht?«

»Sir William! Hört Ihr auf den Klatsch der Leute?«

Wyndesore beugte sich nach vorne, verargert über Alices Verhalten. »Ja oder nein?«

Alice verzog das Gesicht und faltete ihre Hände wie ein gehorsames Kind. »Daniel hat uns in der letzten Zeit regelrecht heimgesucht, das muß ich sagen, wenngleich ich nur ungern schlecht über Tote rede. Doch er hat Mary nicht den Hof gemacht. Das war nicht seine Absicht.«

Wyndesore knurrte. »Weshalb sonst sollte ein Mann seine Zeit mit einer hübschen Frau verbringen?«

Alice heuchelte Überraschung über diese Bemerkung. »Kann sie denn nicht einfach nur eine Freundin sein, auch wenn sie hübsch ist?« Sie legte den Kopf schief und schaute Wyndesore unschuldig an.

Dieser lachte.

Alice nippte an ihrem Wein. »Was glaubt Ihr?«

Wyndesore zog seine Füße zurück und schnippte mit den Fingern, um sich einen Becher Wein bringen zu lassen. »Was ich glaube, ist nebensächlich. Es geht um meine Männer. Sie glauben, Townley hat Daniel getötet.« Er nahm einen großen Schluck, wobei er Alice über den Rand seines Bechers beobachtete.

Alice schüttelte den Kopf. »Ned hat so etwas nicht getan. Ich kann für ihn bürgen, Mary ebenfalls. Er war gestern abend bei ihr, als ich zu Bett ging -; und das war ziemlich spät, wie Ihr Euch erinnern werdet.« Alice lachte. Mary war ein hübsches Mädchen; Alice hatte gewisse Pläne mit ihr, und darin hatte ein Niemand wie Ned Townley keinen Platz. »Ich habe wenig Hoffnung, Marys Jungfernschaft noch lange bewahren zu können.«

Wyndesore grinste. »Diese Hoffnung war von Anfang an vergeblich, Mistress Alice. Ein hübsches Mädchen am Hof? Wie lange kann das gutgehen?« Wyndesore leerte seinen Becher, zog ein Tuch aus seinem Ärmel und wischte sich den Mund ab wie ein vornehmer Herr. »Nun, mir genügt Euer Wort, doch meine Männer werden sich damit nicht zufriedengeben. Sie mochten den Jungen, er war ihnen ans Herz gewachsen. Sie sind erzürnt darüber, daß er nun tot ist. Sie möchten Blut sehen, und Townley war ihnen schon immer verhaßt, weil er sich wie ein Höfling kleidet und ständig mit seinen Dolchen prahlt.« Wyndesore lachte über seine kluge Bemerkung.

Alice lächelte höflich. Wyndesore sah gut aus und hatte Macht, doch er besaß nicht viel Verstand. »Ned wird auch deswegen gehaßt, weil er ein Späher Lanca sters ist. Das gemeine Volk mag den Herzog nicht.« Gilbert füllte Alices Becher aufs neue. Sie nutzte diese Unterbrechung, um über die Situation nachzudenken. »Ich frage mich, ob Ned weiß, daß er in Gefahr ist?«

»Davon könnt Ihr ausgehen. Ich werde meinen Männern einschärfen, daß sie Townley in Ruhe lassen sollen. Aber es wäre besser, wenn er von hier verschwinden würde.«

»Das würde den Plänen des Herzogs zuwiderlaufen«, sagte Alice. Der Herzog von Lancaster hatte Ned am Hof zurückgelassen, um ihm eine Gelegenheit zu geben, seine Manieren zu verfeinern und sich in der Kunst des Briefeschreihens zu üben, indem er dem Herzog regelmäßig über die Vorgänge am Hof berichtete.

,Zum Teufel mit dem Herzog!.' knurrte Wyndesore.

Alice zuckte zusammen. Wyndesore sollte sich besser vorsehen. In Irland war er erster Offizier gewesen und damit zu mächtig, um etwas gegen ihn zu unternehmen. Doch hier am Hof des Königs hatte er keinen Einfluß. Und viele Leute hegten die Vermutung, er habe seinen Herrn gegenüber dem König verraten. Einen solchen Opportunisten respektierte kaum jemand, und schon gar nicht brachte man ihm Vertrauen entgegen. Wyndesore sollte sich lieber zurückhalten.

»Was macht der König?« fragte er und wechselte damit das Thema.

Alice runzelte die Stirn und warf einen Blick zu Wyndesores Dienern. Auch ihre Position am Hof war nicht einfach. Als Mätresse des Königs wurde sie von ihm mit Geschenken überhäuft und mit gewissen Machtbefugnissen ausgestattet. Doch sollte der König ihrer eines Tages müde werden, oder, in Anbetracht seines Alters, sollte er sterben ... Alice achtete sehr darauf, sich diskret zu verhalten. Sie vertraute zwar ihrem eigenen Diener, doch was wußte sie über Wyndesores Männer? Wie sorgfältig hatte er die Personen ausgewählt, die ihn umgaben? Diese Männer hatten bestimmt keine Veranlassung, ihr gegenüber besonders loyal zu sein.

Wyndesore schnippte mit den Fingern und schickte den Diener weg. »Also?«

Alice zuckte die Schultern. »Er spuckt Gift und Galle gegen Papst Urban.«

»Ich weiß, Wykeham ist immer noch nicht zum Bischof ernannt worden.«

»Thomas Cobham ist mit der Nachricht aus Avignon zurückgekehrt, daß Seine Heiligkeit geruht, Wykeham vorübergehend mit der Wahrnehmung der Aufgaben des Bischofssitzes von Winchester zu betrauen, bis ein Nachfolger benannt wird. Ihr könnt Euch vorstellen, daß Gobham rote Ohren bekam. Der arme Mann zitterte förmlich am ganzen Leib, als er vor den König trat. Und es wurde noch viel schlimmer, bis er sich schließlich zurückziehen durfte.«

»Wykeham scheint eine gute Besetzung zu sein. Ich verstehe nicht, weshalb der Papst sich sträubt.«

»Weil Seine Heiligkeit darin eine gute Möglichkeit sieht, seine Macht über den König zu demonstrieren. Zwei alte Männer, die miteinander fechten.«

Sie lächelten beide.


Verfolgt von feindseligen Blicken, begab Ned sich auf die Suche nach Mary, um sich bei ihr Unterstützung zu holen. Sie wußte, wo er letzte Nacht gewesen war; sie würde empört auf all diese Anschuldigungen reagieren. Er fand sie vor einem großen Fenster im Salon von Mistress Alice, wo sie Perlen von einem der eleganten Kleider ihrer Herrin auf ein anderes übertrug. Mary war eine liebreizende junge Frau mit rabenschwarzem Haar, das sich leicht lockte, einem so unschuldig wirkenden Gesicht, daß Ned überrascht gewesen war, wie leidenschaftlich sie seine ersten Küsse erwidert hatte, und der zartesten Taille, um die er je seine Arme hatte legen dürfen. Mary hatte sein Herz voll und ganz erobert. Nie mehr würde er seinen Freund Owen Archer wegen dessen Ergebenheit gegenüber seiner Frau necken. Ned verstand ihn jetzt.


Mary blickte auf zu Ned. Ihre roten Augen sagten ihm, daß sie geweint hatte. Sie schniefte. Ihre himmlischen, haselnußbraunen Augen füllten sich erneut mit Tränen.

Ned kniete sich bestürzt neben sie. ,»Oh, meine süße Mary, weine nicht wegen mir. Diese falschen Beschuldigungen können mir nichts anhaben.«

Mary legte ihr Nähzeug weg, um sich die Nase zu putzen.

»Ich bringe dir etwas Wein«, bot Ned ihr an.

Mary schüttelte den Kopf. »Nein. Ich muß meine Arbeit fertigmachen. Wein gibt Flecken auf den Kleidern. Du würdest das nicht vorschlagen, wenn du schon einmal die mühsame Aufgabe gehabt hättest, Blutf lecken aus einem Kleid zu entfernen.«

Immer praktisch denkend, seine Mary Gütiger Himmel, wie sehr er sie liebte. Ned nahm ihre Hände.

Mary jedoch entzog sie ihm.

»Was ist denn los?« Ned kauerte sich auf die Fersen. »Willst du dich nicht von mir trösten lassen?«

Ned. Deine dumme Eifersucht hat das alles ausgelöst, das weißt du. Daniel hätte niemals soviel getrunken, wenn du ihn nicht bedroht hättest. Warum hast du das getan? Es gab doch keinen Grund dafür. Überhaupt keinen Grund. Ich habe dir doch gesagt und es dir auch geschworen, daß du nicht eifersüchtig zu sein brauchst. Daniel war einfach nur nett zu mir. Er war ein Freund.« Mary schniefte und bekam einen Schluckauf.

Es war also sein Fehler? Daniel war nur nett gewesen zu ihr? Warum? Weshalb war ein Page von Sir William von Wyndesore nett zur Zofe von Mistress Alice Perrers?

Mary errötete. Ihre Augen blitzten zornig. »0 ja. Die niedere Magd von Mistress Alice kommt natürlich nicht als Freundin für den stattlichen jungen Pagen von Sir William von Wyndesore in Frage.«

»Wie hat er dich kennengelernt, Mary? Ich kann mir nicht vorstellen, wie der Page von Sir William und die Zofe von Mistress Alice sich überhaupt begegnen können.«

Mary schnappte nach Luft. »Sogar jetzt noch, nachdem er tot ist, verdächtigst du ihn! Schäme dich, Ned!« Sie stand auf und eilte zur Tür.

Ned brummte, lief ihr nach und packte sie am Ellbogen. »Um Himmels willen, Mary. Wir wollen doch heiraten. Du solltest mich trösten, weil ich das Opfer unbegründeter Anschuldigungen geworden bin, statt mir etwas vorzuwerfen, von dem du weißt, daß ich es nicht getan habe.«

Mary stand mit dem Rücken zu ihm und blickte auf den Boden. Ned hörte wie sie schwer atmete, und wußte, daß abermals Tränen flossen. Nur ein Freund? Er wäre ein Narr, wenn er das glauben würde. Er ließ ihren Arm los. »Verzeih mir, Mary Ich habe mich geirrt. Ich dachte, du liebst mich, aber jetzt erkenne ich meinen Irrtum.« Er verließ den Raum, während Mary vor sich hinschluchzte. Der Teufel sollte sie holen, sie konnte wirklich bockig sein. Das war bestimmt das Werk von Mistress Perrers. Sie mochte ihn nicht, hatte andere Pläne mit Mary, zweifellos. Er mußte einen Weg finden, Mary aus den Fängen dieser Hure zu befreien. Ned wünschte, daß Owen Archer sich im Augenblick nicht so weit entfernt in York befände. Er hätte dessen Rat in dieser Angelegenheit dringend gebrauchen können.

Der Lordkranzler des Königs

© Candace Robb 1996