Das Geheimnis der Nonne

Prolog

Juni 1365

Joanna schulterte ihr Bündel, stapfte durch North Bar und erreichte Beverley, gerade als die Glocken der großen Kirche von St John zu läuten begannen. Sie war seit Sonnenaufgang unterwegs, und jetzt stand die Sonne schon hoch am Himmel. Der rauhe Stoff ihres Habits kratzte an ihrer schweißnassen Haut. Die Straßen der Stadt schlängelten sich durch Beck und Walkerbeck, und beim Gehen erblickte Joanna die kleinen Bäche, die zwischen den Häusern dahinflossen. Sie stellte sich vor, wie wohltuend es wäre, aus ihrem Gewand zu schlüpfen und in das kühle, erfrischende Wasser zu steigen, so wie sie und ihr Bruder Hugh es in dem Fluß hinter ihrem Haus immer getan hatten.

Es herrschte eine feuchte, drückende Hitze. Doch an den vorangegangenen Tagen hatte es heftig geregnet, und die schmutzigen Straßen waren noch mit Wasserpfützen übersät. Wo die Sonnenstrahlen zwischen den Häusern zum Boden vordrangen, stieg dichter Wasserdampf auf und erzeugte emen Nebel, der Joanna bisweilen fast die Sicht nahm. Diese unwirklich anmutende Situation venmsicherte Joanna. Sie umklammerte ihr Maria-Magdalena-Medaillon und sprach flüsternd ein Gebet, während sie weiterging.

Als sie an einer Schenke vorbeikam, drangen Gelächter und fröhlicher Gesang zu ihr heraus. Sie war versucht, das Wirtshaus zu betreten, um den Staub der Straße mit einem kühlen Bier hinunterzuspülen, doch als Nonne, die alleine unterwegs war, durfte sie nicht zuviel Aufmerksamkeit erregen.

Nicht weit von der Schenke entfernt erblickte sie einen Friedhof mit einem schattigen Brunnen. Hier würde sie sich unbehelligt ausruhen können. Joanna schlüpfte durch das offene Tor und legte ihr Bündel unter einer großen Eiche ab, die eine Wurzel nach oben in die Luft reckte. Nachdem sie sich umgeschaut hatte, um sich zu vergewissern, daß niemand sie beobachtete, nahm sie ihren Schleier, ihren Weihel und ihren Wimpel ab, bettete sie sorgfältig auf ihr Bündel, löste ihr Medaillon und legte es zusammen mit der Kette obenauf. Dann zog sie sich einen Eimer voll Wasser aus dem Brunnen herauf, trank aus der hohlen Hand und wusch sich das Gesicht, den Hals und den Nacken.

Ein Geräusch ließ sie herumfahren. Ein Junge in zerlumpten Kleidern hielt das Medaillon und die Kette in der Hand. Joanna schrie, und der kleine Dieb rannte davon.

Dieser verdammte Mistkerl! Joanna griff nach ihren Kleidem und lief dem Jungen nach. »Gib mir das Medaillon zurück, du Satansbrut! Vefflucht sei deine Mutter und deine ganze Sippschaft!« Sie stürzte sich auf den Jungen und riß ihn zu Boden. Er schlug ihr ins Gesicht, entwand sich ihrem Griff und warf ihr die Kette zu, bevor er weglief.

Nachdem sie sich wieder aufgerappelt hatte, krabbelte Joanna, deren Habit nun schlaxnmbedeckt war, mühsam auf die silberne Kette zu. Gütiger Himmel, das durfte nicht wahr sein! Das Medaillon war weg! Mit klopfendem Herzen kroch sie zwischen dem Unkraut umher, um ihr kostbares Maria-Magdalena-Medaillon zu suchen. Ihr Bruder Hugh hatte es ihr vor sechs Jahren auf einer Reise nach Beverley geschenkt, und Joanna hatte es gehütet wie einen Schatz. Es war das einzige, was ihr von ihrem geliebten Bruder geblieben war. Und dieser Misthund hatte es ihr gestohlen. Tränen der Wut und der Enttäuschung liefen ihr über das Gesicht. Sie begann zu schluchzen.

»Mein Kind, was bedrückt dich denn?« Ein Priester stand vor Joanna und blickte sie besorgt an.

Joannas Hand fuhr zu ihrem bloßen Haupt. »Benedicte, Vater.«

»Was ist geschehen, mein Kind?«

»Ich bin seit Tagesanbruch auf den Beinen, und Euer Brunnen hat mich dazu verleitet, hier Rast zu machen. Ich dachte, ihr würdet mir einen Schluck Wasser nicht versagen.« Sie lächelte den Geistlichen an.

»Selbstverständlich darfst du trinken. Wie ich sehe, trägst du das Habit einer Benediktinerin. Wo sind deine Mitschwestern? Du reist doch gewiß nicht alleine?«

Joanna stand auf. »Ich habe mich von meinen Mitschwestern entfernt. Ich muß mich beeilen, um sie wieder einzuholen.« Sie mußte verhindern, daß er sie begleitete, denn dann würde sie durchschaut werden.

Der Priester deutete auf ihr nasses, schmutziges Gewand. »Warum hast du dich in den Schlamm gesetzt?«

Joanna blickte verblüfft an sich hinunter. Sie versuchte, den Schmutz wegzuwischen, doch damit verschmierte sie ihr Gewand nur noch stärker. »Nicht der Rede wert, Vater. Gott segne Euch.« Sie griff nach ihrer Kopfbedeckung.

»Vielleicht wäre es besser, wenn du hereinkommst, um dein Gewand zu tmcknen. Wenn du mir sagst, wohin deine Milschwestem unterwegs sind, kann ich ihnen jemanden nachschicken, der ihnen mitteilt, wo du geblieben bist.«

Joanna hob ihr Bündel auf. »Das ist nicht nötig, Vater. Danke für das Wasser. Gott sei mit Euch.« Sie eilte durch das Tor und dann die Straße entlang, ohne auf ihre Umgebung zu achten, und haderte mit sich wegen ihrer Torheit. A]s sie unvermutet an eine Mauer stieß, blickte sie sich verwundert um. Gütiger Himmel, sie hatte sich verlaufen. Tränen traten ihr in die Augen. Sie war müde, unglücklich und hatte Angst. Das Medaillon war ihr abhanden gekommen, und sie hatte nichts mehr, was sie schützen konnte. Sie holte tief Luft und versuchte ihre Angst zu bezähmen. Sie mußte wieder den richtigen Weg finden. Sie mußte vor Einbruch der Dunkelheit Will Longfords Haus erreichen.

Langsam tastete sie sich zurück zu North Bar und fing wieder von vorne an. Der Nachmittag war nun schon fortgeschritten, und am Himmel begannen sich Wolken zusammenzuballen, wodurch die engen Straßen noch düsterer wirkten. Die Schwüle lastete schwer auf Joannas Brust. Ihr Herz klopfte. Es kam ihr vor, als sei sie schon seit einer Ewigkeit unterwegs. Schließlich öffnete der Himmel seine Schleusen, doch anstatt eines erfrischenden Schauers prasselte der Regen wolkenbruchartig herunter und verwandelte die Straßen im Nu in Bäche aus Schlamm. Joanna erlaubte sich nicht, stehenzubleiben und sich irgendwo unterzustellen. Sie durfte keine Spuren hinterlassen. Das Habit klebte an ihrem Körper. Der Schleier schlug ihr ins Gesicht. Sie kämpfte sich Schritt für Schritt voran, zog mühsam ihre Füße aus dem zähen Schlamm. Sie weinte um ihr verlorenes Medaillon, während sie sich weiterschleppte. Sie war nicht soweit gekommen, um sich am Ende durch einen sommerlichen Wolkenbruch von ihrem Vorhaben abbringen zu lassen.

Als der Regen schließlich nachließ, fand Joanna auch den richtigen Weg wieder. Um eine Straßenecke und dann geradeaus weiter. Das Haus mit der weißgekalkten Tür. Will Langfords Haus.

Eine dürre Magd öffnete und starrte Joannas durchnäßte Kleidung an. »Ihr habt Euch wohl verirrt, Schwester. Hier verkehren keine Nonnen.«

Joanna versuchte ihren Schleier und ihre Kopfbedeckung zu richten. »Ich möchte Master Longford sprechen. Es ist geschäftlich.«

Das Mädchen kratzte sich mit einer aufgesprungenen Hand an der Wange. »Geschäftlich? Ich möchte Euch warnen. Es gibt nur eine Art von Geschäften, die mein Master mit Frauen betreibt, und dafür ist es am Nachmittag noch zu früh. Und außerdem möchte er seine unsterbliche Seele nicht durch die Bräute Christi in Gefahr bringen lassen.« Sie warf einen nervösen Blick hinter sich.

Joanna streckte eine Hand vor, packte die Magd an der Schürze und zog sie zu sich heran. Das Mädchen riß bestürzt die Augen auf. »Sag deinem Herrn, ich möchte mit ihm über emen Schatz sprechen.«

Die Magd nickte. »Ich wollte Euch ja nur warnen.«

Joanna ließ sie los.

»Welchen Namen soll ich dem Master nennen?«

»Dame Joanna Calverley aus Leeds.«

Das Mädchen eilte davon.

Kurz darauf verdunkelte sich der Eingang. Will Longford war ein hünenhafter Mann, dessen wildes schwarzes Haar nun von grauen Strähnen durchzogen wurde und dessen Bart weiß geworden war. Er war in den letzten sechs Jahren merklich gealtert. Er trug ein Hemd, das bis zum Boden reichte, doch Joanna wußte, was es verbarg - einen hölzernen Stumpen, der sem linkes Bein ersetzte. Longford lehnte sich mit verschränkten Armen an den Türrahmen und wirkte immer noch bedrohlich, auch wenn man wußte, daß er verkrüppelt war.

»Ihr seid eine Calverley? Aus Leeds?« Es klang wie ein Grunzen. Seine dunklen Augen blitzten feindselig:

»Ich habe meinen Bruder Hugh begleitet, als er Euch vor sechs Jahren den rechten Arm des heiligen Sebastian verkaufte.«

Die dunklen Augen verengten sich. »Ah. Die kleine Schwester.« Longford kratzte sich den Bart und musterte Joannas Gesicht. »Der heilige Sebastian. Seinen Arm, sagt Ihr?« Er grinste. »Seid Ihr gekommen, um mir noch mehr vom heiligen Sebastian anzubieten? Vielleicht auch noch seinen anderen Arm?«

Joanna straff te sich. Ihr gefiel weder die Betonung, die er auf kleine Schwester gelegt hatte, noch sein verschlagenes Grinsen. »Ich habe Euch etwas wesentlich Heiligeres anzubieten. Die Milch der Jungfrau Maria. Vom Kloster St. Clement in York«

,>Die Milch der ... Verdammt, was soll das? Gehört Ihr zu den Nonnen von St. Clement?«

»Ja. Das hat nichts mit Hugh zu tun.«

Longford trat einen Schritt nach vorne und spähte in bei den Richtungen die Straße entlang. »Klosterschwestern reisen gewöhnlich in Gruppen. Wieso kommt Ihr alleine?«

Joanna bekam vor Kälte und Müdigkeit weiche Knie. »Kann ich ins Haus kommen und mich vor dem Kamin ein wenig aufwärmen?«

Longford gnmzte und trat zur Seite. »Kommt herein, bevor Ihr im Schlamm versinkt«

Er schloß die Tür hinter ihr. »Wie geht es Eurem Bruder Hugh?«

»Ich habe seit sechs Jahren nichts mehr von ihm gehört. Aber ich hoffe, ich werde ihn eines Tages wiederfinden.«

»Aha.« Longford kratzte sich abermals den Bart. »Ich kann mich noch dunkel erinnern. Hattet Ihr damals nicht vor, bei Eurer Tante die Hausfrauenarbeit zu erlernen? Ihr wart doch seinerzeit verlobt?« Er berührte ihren Schleier. »Ich habe angenommen, Ihr wärt mit einem gewöhnlichen Sterblichen verlobt, nicht mit unserem Herrgott.«

Joanna wich zurück, unangenehm berührt durch die Nähe dieses Mannes. »Ich habe es mir anders überlegt.«

»Hm. Ich vermute, Ihr bietet mir diese Reliquie nicht im Auftrag des Klosters von St. Clement an, habe ich recht?«

Joanna zögerte. Es erschien ihr noch zu früh, gleich zum Kern der Sache zu kommen. Aber sie hatte keine Wahl. »Ich habe diese Reliquie gestohlen. Ich brauche Geld, um reisen zu können. Ich möchte nach meinem Bruder suchen.«

Longford zog eine Augenbraue hoch. »Tatsächlich?«

Er lud sie durch einen Wmk ein, sich an das Feuer zu setzen. »Wein, Maddy!« brüllte er. Dann lehnte er sich zurück und deutete mit einem Kopfnicken auf Joannas verschmutztes Habit. ,,In diesen feuchten Kleidern wird es Euch nie warm werden. Maddy wird Euch etwas Trockenes bringen.« Er grinste sie an.

Joanna dankte ihm. Doch dieses Grinsen wirkte alles andere als beruhigend auf sie.



Das ganze Jahr schon hatte es geregnet, und der August war auch nicht viel trockener. John Thoresby starrte trübsinnig durch das Fenster auf die schlammigen Fluten der Ouse, die sich am unteren Teil des Gartens vorüberwälzten, während der heftige Regen auf die Blumen eintrommelte, so daß sie schlaff auf den Pfützen in den Beeten umherschwammen Von den Palästen, die Thoresby als Erzbischof von York zur Verfügung standen, war ihm Bishopthorpe der liebste. Doch diesen Sommer glich er mehr einer Arche denn einem Palast. Das Dach leckte über fast jedem Raum, und das Wasser war schon so weit gestiegen, daß es beinahe die Krypta bedröhte. Thoresby war nach Bishopthorpe gereist, um die Schirmherrschaft über den Lammas-Jahrmarkt zu übernehmen, aber auch in der Hoffnung, sich von den politischen Verpflichtungen, welche die Hochzeitsfeierlichkeiten in Windsor mit sich gebracht hatten, erholen zu können. Er hatte sich danach gesehnt. die Amtskette des Lordkanzlers für ein paar Monate ablegen und sich wieder ganz seinen kirchlichen Aufgaben widmen zu können. Doch wegen des Regens war der Markt buchstäblich ins Wasser gefallen, und Thoresby fühlte sich in diesem großen Palast mit dem undichten Dach wie ein Gefangener, zumal ihm niemand irgendeine gute Nachricht zu überbringen hatte, auch nicht die beiden Männer, die neben ihm vor dem Kamin saßen.

Der eine war sein Neffe Richard de Ravenser, Probst des Münsters von Beverley. Er hatte vorstehende Backenknochen, tiefliegende Augen, ein kräftiges Kinn und ein Gesicht, das, wäre es ein wenig fülliger gewesen, durchaus stattlich gewirkt hätte. Thoresby kam es vor, als habe er sein eigenes Spiegelbild von früher vor sich. Hatte ihm seine Schwester so sehr geähnelt? Oder hatte sie zu sehr an ihn gedacht, als sie Richard im Leibe trug?

Die Nachricht, die Ravenser überbracht hatte, bereitete Thoresby Kopfzerbrechen. Eine Nonne war aus dem Kloster St. Clement verschwunden, ohne daß die Oberin den Vorfall gemeldet hätte. Eine Oberin, die ihre Pflichten vernachlässigte, würde auch künftig immer wieder für Schwierigkeiten sorgen.

Thoresbys Neffen saß ein dunkelhaariger, breitschultriger Mann mit einer schwarzen Klappe über dem linken Auge gegenüber. Owen Archer hatte fast den ganzen Juli mit der Suche nach den Mördern eines Wollhändlers zugebracht, dessen Leiche man im Bezirk des Munsters gefunden hatte. Auch Archer hatte nichts Erfreuliches zu melden, und wenn sogar er einen Schuldigen nicht finden konnte, dann war auch sonst niemand dazu in der Lage.

Doch Richard und Archer konnte man es nicht zum Vorwurf machen, daß sie keine guten Nachrichten brachten. Thoresby entschloß sich, seine Trübsal zu verdrängen, so gut es ging. »Kommt, Gentlemen, es ist an der Zeit, daß wir uns zu den übrigen Gästen des Mahls gesellen.«

Owen warf Thoresby einen fragenden Blick zu. »Wollt Ihr wirklich, daß ich mit Euren Freunden speise, Euer Gnaden?«

Thoresby schnaufte. »Es sind nicht meine Freunde, Archer, sondern Reisegefährten, die mich von Windsor bis hierher begleitet haben. Nicholas de Louth und William von Wykeham sind Kanoniker in Beverley, die mit Richard zurückgekehrt sind, um hier ihren Anwesenheitspflichten nachzukommen. Ich konnte ihnen schwerlich meine Gastfreundschaft versagen, wenn ihr Probst mein Neffe ist.«

Ravenser verbeugte sich vor seinem Onkel. »Dafür danke ich Euch, Euer Gnaden. Ich weiß, daß Wykeham in Eurem Hause kein sonderlich gern gesehener Gast ist.«

Thoresby nahm seine Amtskette zur Hand und legte sie sich um den Hals. »Der Mann, der mich von dieser Last befreien will? Vielleicht sollte ich ihm dafür dankbar sein? Doch ich gestehe, wenn ich ihn anlächle, fletsche ich innerlich die Zähne. Ich habe mich zu sehr an die Macht gewöhnt.«



Nicholas de Louth und William von Wykeham standen in der Nähe des Kamins in der großen Halle, wärmten ihre Füße am Feuer und ihr Inneres mit Wein. Beide Männer verbrachten die meiste Zeit am Hof. Nicholas de Louth stand als Sekretär in den Diensten von Prinz Edward, und William von Wykeham war als Lordsiegelbewahrer und Chefarchitekt für König Edward tätig. Louth, ein dicklicher Mann, der elegant gekleidet war, unterhielt sich angeregt mit Wykeham. Dieser legte weniger Wert auf sein Außeres, sondern kleidete sich in graue und braune Gewänder und wirkte auch sonst unauffällig. Er sprach leise, und in seinen Augen stand ein ernsthafter, forschender Ausdruck, den man für ein Merkmal von Intelligenz halten mochte.

Nachdem die fünf Männer sich an den Tisch gesetzt hatten, ergriff Thoresby das Wort. »Verzeiht, wenn ich heute abend ein wenig zerstreut bin, Gentlemen. Ich habe gerade erfahren, daß eine Nonne des Klosters St. Clement in Beverley an einem Fieber gestorben ist, eine Nonne, die nicht die Erlaubnis besaß zu reisen. Sie verschwand am Feiertag der heiligen Ethelred.« Er beobachtete Louth und Wykeham, die im Kopf die Tage zusammenzählten, die seit dem 23. Juni vergangen waren. »Man hatte sie schon seit einem Monat vermißt, doch die Mutter Oberin hatte ihr Verschwinden nicht gemeldet, nein, nicht nur das, sie hatte das Fehlen von Dame Joanna mit einer Krankheit bemäntelt und behauptet, sie befinde sich in einem Genesungsheim.«

»Dann war sie also krank, als sie aus dem Kloster floh?« fragte Wykeham.

»Nein. Obgleich man aufgrund ihrer bleichen Gesichtsfarbe irrtümlicherweise auf eine Krankheit hatte schließen können, denn sie hatte das ganze Frühjahr über gebetet und gefastet.«

»Aha, Liebeskummer«, bemerkte Louth und lächelte in seinen Wein.

»Im Gegenteil«, widersprach Thoresby. »Dame Isabel hat ausgesagt, diese Nonne habe zu jenen jungen Frauen gehört, die der Auffassung sind, nur übermäßige Frömmigkeit könne sie Gott näherbringen.«

Die Tischrunde verstummte, während die Diener das Fischgericht auftrugen. Nachdem sie sich wieder zurückgezogen hatten, schüttelte Ravenser den Kopf. »Es gibt eine gravierende Unstimmigkeit in Eurer Geschichte, Euer Gnaden. Eine fromme, hingebungsvolle Nonne läuft doch nicht aus dem Kloster weg.«

»Wo in Beverley ist sie gestorben?« fragte Louth nachdenklich.

Thoresby bedeutete seinem Neffen durch ein Kopfnicken, er solle weitererzählen.

»Ein Mann brachte sie gütigerweise in sein Haus, nachdem sie auf der Straße zusammengebrochen war. Sie wurde von einem Fieber befallen und starb. Der Vikar der Kirche St. Mary erldärte sich bereit, sie sofort zu verbrennen, denn man hatte Angst, der Gestank könnte die Luft verpesten.« Ravenser schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck von seinem Wein. »Doch der Priester bat mich, Seine Gnaden zu informieren und mich zu erkundigen, ob ihre Familie den Leichnam nach Leeds überführt haben wolle und ob das Kloster Anspruch auf ihre Hinterlassenschaft erhebe.«

»Die Leute in Beverley brauchen immer irgendwelche Aufregungen, damit sie aufwachen«, bemerkte Louth mit einem genüßlichen Grinsen. Er kaute ausgiebig, die Augen halb geschlossen, und erweckte den Eindruck eines Mannes, dem das Essen und der Wein immer schmeckten, insbesondere dieser ausgezeichnete Tropfen, der in Thoresbys Haushalt serviert wurde. ,>Wer war die edle Seele, die sie aufgelesen hat?«

»Will Longford.«

Louth beugte sich nach vorn, plötzlich wieder hellwach. »Longford. Dieser einbeinige Bär von einem Mann?« Er wischte sich Fett vom Kinn.

Ravenser zuckte mit den Schultern, »Ich hatte bisher nicht das Vergnügen, ihm zu begegnen.«

Thoresby zeigte sich interessiert. »Kennt Ihr ihn, Sir Nicholas?«

»Ich hatte einmal die Aufgabe, Longford für Prinz Edward zu verhören«, antwortete Louth mit abfälligem Achselzucken. »Er hatte bei den Freischärlern von Bertrand du Guesdin gekämpft.«

»Ein seltsamer guter Samariter«, bemerkte Owen. »Ich würde gern wissen, was einen solchen Mann dazu bringt, sich um eine kranke Nonne zu kümmern.«

Auch Thoresby fand dies eigenartig. Bei den Freischärlern handelte es sich um Gruppen abtrünniger Soldaten ohne politische Bmdungen - meist desertierte englische Soldaten -,die in Frankreich auf dem Lande Angst und Schrecken verbreiteten und von der eingeschüchterten Bevölkerung Schutzgeld erpreßten. Ein höchst ungewöhnlicher Hintergrund für mildtätiges Verhalten.

Louth hob die Augen. »Das sieht einem Mann wirklich nicht ähnlich, der auf der anderen Seite des Kanals wohl schon unzählige Nonnen geschändet und umgebracht hat.«

Ravenser nickte. »Ich muß sagen, sie bot einen wirklich schrecklichen Anblick.« Seine Gesten gegenüber Louth zeig ten, daß er das Verhalten dieses Mannes zutiefst mißbilligte.

Wykeham saß gedankenversunken auf seinem Platz und hielt ein Stück Brot in der Hand. Thoresby fragte sich, worüber er wohl nachsinnen mochte. Als er die Blicke des Erzbischofs auf sich spürte, wandte Wykeham sich an seinen Gastgeber. »Was hat sie nach Beverley geführt?«

Thoresby lächelte flüchtig. >,Eine ausgezeichnete Frage, auf die ich aber leider keine Antwort weiß.«

,>Eine sehr unglückliche Angelegenheit.«

»Vielleicht kann ihre Familie uns weiterhelfen«, schlug Louth vor. »Wie war ihr Name?«

»Joanna Calverley«, antwortete Thoresby. »Ich habe Dame Isabel de Percy gebeten, ihre Familie in Kenntnis zu setzen. Vielleicht erfährt sie bei dieser Gelegenheit etwas.«

»Aus Leeds stammt sie, habt Ihr gesagt?« fragte Louth.

Ravenser nickte.

»Das ist seltsam«, meinte Louth. ,>Weshalb ist sie nach Beverley geflohen und nicht nach Leeds?«

»Ja, das ist die Frage.« Thoresby nippte an seinem Wein. Hier ging es um mehr als nur um eine entlaufene Nonne. Das spürte er in seinen Knochen. Die übrigen Teilnehmer des Mahls gingen zu erfreulicheren Gesprächsthemen über, während die beiden Fleischgänge serviert wurden, doch Thoresby grübelte weiter vor sich hin.

Als die Diener den Tisch abräumten und den Branntwein brachten, kam Thoresby wieder auf das Thema zurück. »Weshalb interessiert der Prinz sich für Longford, Sir Nicholas?«

Louth klopfte mit den Fingern gegen seinen Becher, blickte in die Runde und überlegte, wieviel er preisgeben sollte. »Nachdem du Guesclin inzwischen zum Hauptmann im Heer von König Karl von Frankreich aufgestiegen ist, möchte Prinz Edward soviel wie mogli über einen Mann erfahren, dem er unweigerlich eines Tages in einer Schlacht gegenüberstehen wird.«

»Und war Longford eine Hilfe?« wollte Ravenser wissen.

Louth lachte. »Eine Hilfe? Diese Frage würdet Ihr nicht stellen, wenn Ihr den Mann kennen würdet. Ein aalglatter Bursche. Hat viel zu verbergen. Oh, er hat uns durchaus einige Dinge erzählt, aber nichts, was wir gegen Bertrand du Guesclin ins Feld führen könnten.«

Owen beugte sich nach vorn und drehte den Kopf, um mit seinem gesunden Auge Louth zu betrachten. »Also habt Ihr nicht herausbekommen, was Ihr eigentlich erfahren wolltet?«

Louth wand sich, um dem habichtartigen Blick auszuweichen. »Ich lasse das Haus überwachen.«

Wykeham wurde aufmerksam. »Welche Art von Diensten, meint Ihr, leistet er für du Guesclin?«

Louth zuckte mit den Achseln »Ich habe keinerlei Beweise. Doch einige Männer, die eigentlich für unseren König kämpfen sollen, haben sich nach Frankreich eingeschifft, um sich den Freischärlern anzuschließen.«

»Sie wollen uns schwächen«, stellte Thoresby fest. »Ihr laßt also das Haus überwachen, und doch hat niemand vom Auftauchen einer einzelnen Nonne berichtet.«

Louth seufzte. »Ich weiß. Ihr mögt Euch fragen, was meine Männer sonst noch alles übersehen haben. Das frage ich mich mittlerweile auch.«

Wykeham bemerkte Thoresbys düsteren Gesichtsaus druck. ,>Ihr glaubt, bei dieser Geschichte geht es um mehr als nur um die Flucht einer unglücklichen Nonne, die vom Fieber niedergestreckt wurde?«

Thoresby begegnete dem Blick jenes Mannes, der sich anschickte, ihm das Amt des Lordkanzlers abspenstig zu machen. Seine Augen wirkten nicht unintelligent. Thoresby zuckte mit den Schultern.

»Eine Nonne läuft weg, um sich mit einem Geliebten zu treffen. Es ist immer dasselbe«, meinte Louth, während er sich Branntwein nachschenkte, obwohl sein Gesicht von dem, was er bereits getrunken hatte, schon gerötet war. »Denkt nicht weiter darüber nach.«

Thoresby schloß die Augen; er war der müßigen Spekulationen überdrüssig. Er wollte mehr über die verstorbene Nonne erfahren, doch was konnte er dadurch gewinnen? Sie war tot und begraben. Er trommelte mit den Fingern ungeduldig im Takt der Regentropfen, die durch ein neues Leck hinter ihm, in der Nähe des Fensters, herunterfielen. Vielleicht hatte das komische Ziehen in seinen Knochen doch nur mit dem Regen zu tun und mit der wachsenden Zahl seiner Jahre.

Das Geheimnis der Nonne

© Candace Robb 1995