Der alte Mann trat mit vorsichtigen Schritten aus der Tür der Krankenstation. Er schonte sein rechtes Bein bei den ersten Schritten, dann, als der stechende Schmerz, der ihn noch am Vortag geplagt hatte, ausblieb, wagte er, stärker aufzutreten und ließ schließlich sein rechtes Bein ausschwingen. Er verspürte ein Ziehen im Knie, doch in seinem Alter mußte man in jedem Gelenk mit einem Ziehen rechnen. Walter de Hotter überquerte den Hof der Krankenstation, ging zu dem großen Tor und wieder zurück, dann noch einmal und trat schließlich hinaus auf die Blake Street. Er freute sich auf diesen Gang. Heute abend würde er wieder in seinem eigenen Bett schlafen. Nicht daß das Bett im St-Leonhard-Hospital unbequem gewesen wäre. Oder schmutzig. Es war, um ehrlich zu sein, sogar sauberer als seines. Doch das Bett eines Mannes ist etwas Besonderes, und Walter freute sich darauf, diese Nacht wieder in seiner eigenen Bettstatt zu verbringen.
Jedesmal, wenn Walter die Krankenstation wegen einer Verletzung aufsuchte, überlegte er, ob er wohl wieder in sein Bett zurückkehren würde. Er wußte, daß seine Tage gezählt waren. Neunundsechzig Jahre war er jetzt: ein gutes Alter, ein ehrwürdiges Alter. Und für einen unbeholfenen Mann, dem häufig Mißgeschicke widerfuhren, ein recht bemerkenswertes Alter. Er hatte eine gute Frau gefunden und das Geschäft vorangebracht, das ihm sein Vater vererbt hatte, hatte wertvollen Grundbesitz in der Stadt erworben, besaß nun mehr Häuser, als seine Kinder jemals würden nutzen können, und hatte jenes, in dem er wohnte, dem Hospital versprochen im Austausch für einen Pflegeplatz. Diese Vereinbarung hatte er nach dem Tode seiner Frau getroffen; solange sie gelebt hatte, hatte
sie seine Wunden versorgt und diese Aufgabe auch sehr gut gemeistert. Doch ohne sie fühlte Walter sich verloren. Wer sollte nun seine verstauchten Knöchel kühlen, lindernde Salben auf Verbrennungen auftragen und sie verbinden? Seine Kameraden in der Kaufmannsgilde hatten ihm versichert, sie wurden sich um ihn kümmern. Und dieses Versprechen würden sie auch einhalten, denn die Gilde sorgte für ihre Mitglieder. Doch er wollte niemandem zur Last fallen. Er war nicht schwächlich, nur tolpatschig. Tom Merchet, der Wirt der York Tavern, hatte ihn auf die Idee mit der Pflegschaft gebracht. Walter würde ihm dafür ewig dankbar sein. Als Pflegebewohner des St.-Leonhard-Hospitals würden ihm Essen und Kleidung sowie ein Bett zur Verfügung gestellt werden, wann immer er eines benötigte - und dies war das Wichtigste für ihn, denn er brauchte ziemlich häufig ein Bett. Nicht für lange. Nie für besonders lange. Aber immer wieder erlitt er Knochenbrüche oder verrenkte sich Gelenke - so wie neulich den einen Ellbogen. Das geschwollene Knie war die jüngste Verletzung. Und er hatte die nötige Behandlung im St.-Leonhard-Hospital erhalten, weil das Hospital nach seinem Tode durch die Vermietung seines Hauses schones Geld würde verdienen können. Walter erschien dies mehr als gerecht.
Und er war immer noch am Leben und wieder auf den Beinen, Gott sei es gedankt, und freute sich darauf, nach Hause zu kommen. Er würde ein leeres Haus betreten, was ihm zwar gar nicht behagte, aber es würde nicht lange leer bleiben, so Gott wollte Sein ältester Sohn und Erbe des Geschäfts war mit seiner Familie in ihr kleines Haus in Easingwold gezogen und hatte angekündigt, er werde dort einen Laden eröffnen. Peter hatte Angst vor der Pest, um die Wahrheit zu sagen. Wer konnte ihm dies verdenken? Eines Sonntags hatte Walter während der Messe erfahren, daß ein Kind in der vorhergegangenen Nacht an der Pest gestorben war, und bis zum folgenden Sonntag waren weitere fünf Menschen in der Stadt der Seuche erlegen, einer davon ebenfalls ein Pflegebewohner von St. Leonhard, der arme alte John Rudby. Walter verübelte seinem Sohn diese Vorsichtsmaßnahmen nicht Und auch Peter hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt, daß sein Vater ihr Stadthaus in der Blake Street dem Hospital vermacht hatte.
Der Abend hatte sich über die Stadt gesenkt, und die Straßen waren dunkel, wenngleich der Himmel, den man zwischen den Gebäuden sehen konnte, wenn man den Kopf streckte, noch blau war. Walter tastete sich vorsichtig voran, obwohl ihm der Weg nur allzu vertraut war. Auf glitschigen Straßen konnte man bei jedem Schritt ausgleiten, und die Schwestern hatten ihn wamend darauf hingewiesen, daß der Verband um sein Knie ihn nicht vor einer schweren Verrenkung bewahren würde. Doch sein Bauch war gefüllt, und das Herz wurde ihm leicht bei dieser Rückkehr nach Hause. Wieder einmal hatte er einen schrecklichen Sturz gut überstanden. Gott war ihm gnädig.
An der Tür seines Hauses hantierte Walter mit seinem SchlüsseL Schließlich schwang die Tür auf. Er trat hinein in die Dunkelheit und war froh, daß es nicht allzu muffig roch. Doch dann stutzte er. Vielleicht hatte er an einigen Fenstern an der Rückseite des Hauses die Laden nicht geschlossen. Er hatte unter starken Schmerzen gelitten, als er zum Hospital aufgebrochen war.
Als er sich durch den Raum tastete, konnte er das Abendlicht sehen, das durch die Ritzen drang. Er hatte die Laden also doch geschlossen. Aber seine Erleichterung währte nur kurz. Die Tür zum Garten stand sperrangelweit offen und ließ das silbrige Licht der Dämmerung hereinfallen. Er konnte sich nicht vorstellen, daß er so gedankenlos gewesen sein könnte. Es mußte jemand in das Gebäude eingedrungen sein. Vielleicht in der Annahme, er habe das Haus verlassen. Das passierte jetzt überall in der Stadt; Peter war nicht der einzige, der vor der Pest die Flucht ergriffen hatte. Verlassene Häuser wurden zu Heimstätten für die Sterbenden. Das beunruhigte Walter. Wenn die Leiche eines Pestopfers die Luft im Haus verseucht hatte, würde auch er bald erkranken. Er suchte nach dem Beutel mit süßlich duftenden Kräutern, die er in der vorigen Woche in der Wilton-Apotheke erstanden hatte, und hielt ihn sich vor die Nase, während er vorsichtig weiterging. Doch dann stolperte er über etwas, und der Beutel fiel ihm aus der Hand. Er kroch auf dem Boden umher und stieß dabei auf einen Schemel, der hier nicht hätte stehen sollen. Gott sei Dank hatte er sich nur langsam bewegt, aber er hätte nach unten schauen sollen, nicht zu der geöffneten Tür. Doch dann glaubte er, draußen eine Bewegung wahrnehmen zu können.
Ein Eindringling würde nun wissen, daß er zurückgekommen war - das Knarren des Schlüssels, der Schemel. Er mußte sich vorbereiten. Walter nahm den Schemel und kroch zur offenen Tür. Da hatte sich tatsächlich etwas bewegt. Ein Mann war in Walters Küchengarten.
»Was sucht Ihr hier?«
Der Mann wirbelte herum und machte ein paar rasche Schritte auf die Tür zu. »Wer seid Ihr?«
»Das möchte ich Euch fragen. Ich bin Walter de Hotter, und das ist mein Haus, das ist mein Garten, und . . « Als Walter den Schemel über seinen Kopf hob, präsentierte er dem Einbrecher seine Brust, die sich nun gerade dort befand, wohin der Mann sein Messer geschleudert hatte. »Gütiger Himmel!« Walter ließ den Schemel fallen, griff sich ans Herz und spürte, wie klebriges Blut herausschoß. Und dann legten sich starke Hände um seinen Hals und drückten immer fester zu ...
An dem Abend, an dem Walter de Hotters Leichnam gefunden worden war, wimmelte es in der York Tavern von Menschen, die sich aufgeregt unterhielten, um sich von ihren eigenen Ängsten abzulenken. Bess Merchet betrachtete dies mit gemischten Gefühlen.
Der Alte Bede wiederholte murmelnd die häufig genannten Zahlen. »Zwei Pflegebewohner des St.-Leonhard-Hospitals sterben innerhalb von drei Wochen. Beide besitzen Stadthäuser, die nach ihrem Tod dem Hospital zufallen sollen. Das Hospital steckt in Schwierigkeiten, braucht Getreide, und die Kanoniker haben nun plötzlich Mieteinnahmen, stimmt's?«
Bess ärgerte sich über Bedes Ungenauigkeit. »John Rudbv ist an der Pest gestorben. Und der arme Walter ist schon immer über seine eigenen Füße gestolpert.«
«Wirklich? Der arme Walter ist also in ein Messer gestolpert und hat sich dann selbst erwürgt?« Der Alte Bede lachte, bis er einen Hustenanfall bekam.
Bess warf ihm ein Tuch zu. Doch er war nicht der einzige, der an diesem Abend über diesen Vorfall redete. Sie mochte solche Gerüchte nicht. Auch ihr Oheim wohnte im St-Leonhard-Hospital, sein bester Freund ebenfalls. Wahrscheinlich konnte es nicht schaden, für die beiden heute abend ein Gebet zu sprechen.
© Candace Robb 1997